Grußwort Pfarrerin Reichelt

Liebe Gemeinden,

Wie es dir möglich ist: Aus dem Vollen schöpfend – gib davon Almosen! Wenn dir wenig möglich ist, fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben! Tobit 4,8

Wir sind umgeben von Angst: dass es nicht reichen könnte, dass das Klima sich nachhaltig so verändert, dass es uns zerstört, dass das materielle Niveau nicht haltbar sein könnte. Angst gehört zum Grundlebensgefühl in dieser Zeit. Es geht den meisten gut – und materiell uns allen besser als sehr vielen Menschen weltweit. Wir haben etwas zu verlieren. Das macht Angst. Das auszuhalten ist schwer, ganz unabhängig davon, ob die Angst real oder eher irreal ist.

Welche Freiheit dagegen im Text aus dem Buch Tobit: Fürchte dich nicht zu geben, egal ob du selbst viel oder wenig hast. Gib! Wag es dir zu teilen! Trau dich! Lass dich darauf ein!

Der Kopf sagt: Wenn ich eh schon wenig habe, kann ich nicht auch noch an andere abgeben. Wenn mein Raum begrenzt ist, kann ich nicht noch einen anderen dort aufnehmen. Wenn meine Zeit eingeschränkt ist, kann ich mir nicht auch noch Zeit für Freunde oder Nachbarn nehmen. Die Erfahrung lehrt etwas anderes: Wenn ich mich darauf einlasse, dass mir etwas geschenkt werden kann, wenn ich den Mut habe, auf das zuzugehen, was mir begegnet, dann werde ich neue und andere Erfahrungen machen. Das lebe ich aus einer Fülle, die ich mir selbst nicht nehmen, nicht festhalten kann, an der ich aber Anteil nehme und gebe.

Eine Erfahrung von Menschen, die sich auf einen solchen Weg begeben: Es war immer genau das da, was ich brauchte, auch wenn es nicht immer das war, was ich wollte. Oft sind Menschen blockiert von ihren Wünschen: Wenn man nicht das bekommt, was man sich gewünscht hat, dann ist das Leben schlecht, ungerecht, nicht mehr lebenswert. Das Sich-Einlassen auf Vertrauen ist ein Wagnis und fordert heraus: Könnte es sein, dass es neben dem, was ich gern hätte, ganz anderes gibt, was ich wirklich brauche? Und kann ich meine Fixierung loslassen? Während seines Gefängnis-aufenthaltes schrieb der Theologe Dietrich Bonhoeffer: „Es gibt erfülltes Leben, trotz vieler unerfüllter Wünsche.“ Möglicherweise gibt es jenseits der Angst sehr viel zu entdecken, gibt es in der Freiheit des Gebens in den unterschiedliche Bereichen zugleich die Erfahrung des Beschenktseins mit genau dem, was ich dringend brauche.

 

Der Herbst ist die Zeit des Erntens und des Erntedanks. Es ist die Zeit, in der wir eingeladen sind, bewusster wahrzunehmen, was wir empfangen, wie reich wir sind, wieviel Grund zu Freude und Freiheit jeder hat, auch wenn der Kopf und der Verstand zunächst nur das wahrnehmen wollen, was das Leben eng, klein und bedrohlich wirken lässt.

Wir sind eingeladen: Lassen wir uns ein und schöpfen aus der Fülle.

 

Ihre Pfarrerin Bettine Reichelt

 

Posted in Aktuelles on 16. August 2019.