Grußwort Pfarrerin Reichelt

Liebe Gemeinden,

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.    Johannes 1,14

 

„Mach‘s wie Gott: werde Mensch!“, sagte vor einiger Zeit ein Bischof. Aber wie macht Gott das, Mensch werden? Eine Antwort ist den meisten vertraut: Er wird geboren unter uns. Er wird ein Kind. Ein kleines, bedürftiges Kind. Und er wächst unter den Menschen auf. Eine Darstellung davon findet man am Altar in der Wehrkirche Pomßen: Eine Krippe in einem Stall, Maria und Joseph. Der Stern leuchtet am Himmel. Und das Dach ist löchrig. Das Licht des Himmels strahlt hinein in die Realität einer Familie, einer Familie in wenig beneidenswerter Situation. Und ganz am Rand, vor der Tür stehen Besucher, die gerade diese Familie, gerade in dieser Zeit, gerade in ihrer Lage besuchen. Gott begegnet den Menschen, klein, zerbrechlich, hilflos und so anrührend, dass man sich ihm nur in Liebe zuwenden kann und ihn in zärtlich in die Arme nehmen will. So kommt Gott zu uns, in unser Herz.

Die andere Antwort sagt: Gott wird Mensch indem er den Menschen ansieht und annimmt. In der Taufe begegnet Gott dem Menschen so tief, dass er Wohnung in ihm nimmt: Hinunter gehen in die Urflut, in das Urwasser, sich dem Tod aussetzen – und dann herausgerissen werden aus dieser tödlichen Bedrohung des Lebens, aus der Bedrohung, die den Atem Gottes aus uns herauspresst oder ihn austauscht mit Unatembaren. Sind wir da hindurchgezogen worden, sagt Gott: Seht, das ist mein liebes Kind, an dem ich mich freue.

In den orthodoxen Kirchen ist die Erinnerung an diesen Weg der Menschwerdung Gottes noch präsenter als bei uns im „Westen“. Aber ganz vergessen haben wir es nicht. Wir feiern Epiphanias, das Fest der Offenbarung, der Erscheinung Gottes. Wir lesen die Texte über die Taufe Jesu. Gott kommt uns nah, wird Mensch in uns. Und er reißt uns heraus aus der Tehom, der bedrohenden Urflut, aus allem, was das Leben zerstört. So ist Gott bei uns und in uns. So sind wir mit allen Wassern gewaschen, aus allen Wassern gezogen und leben neu, ganz neu als Gottesmenschen.

Welche Antwort einem auch immer näher oder logischer erscheinen mag: Immer erinnert sie daran, dass Gott in den bedrohlichsten und verunsichernsten Lagen, in allen Nächten und allen Bedrohungen der Welt zum Menschen kommt, ihm begegnen will. Er erspart dem Menschen die Bedrohung nicht. Er verhindert nicht, was Menschen einander antun können. Aber mitten in allem leuchtet ein Stern. Mitten durch alles wird der Mensch hindurchgezogen, zu Gott hin. Und das Leben erhält Würde, Zärtlichkeit und das Wunder der Liebe zurück.

 

Ihre Pfarrerin Bettine Reichelt

Posted in Aktuelles on 7. Dezember 2019.