Begrüßungsworte

Liebe Gemeinden, liebe Leserinnen und Leser,

 

Jedes Blatt ein Dankeschön! – Herbst. Die Blätter welken und fallen.

Das biblische Bild für Vergänglichkeit, die Blume im heißen Wüstenwind, erweitert Paul Gerhardt um die Blätter im Herbst: „… wir sind nur Staub, ein bald verwelkt Geschlechte, ein Blum und fallend Laub …“ (Gesangbuch Nr. 289, Str. 3). „Wir alle fallen …“ beschreibt auch R. M. Rilke im Gedicht „Herbst“ das Bestimmende im Menschenleben. Fröhlicher kommt ein Lied daher, dass ich in der Grundschule lernte: „Ihr Blätter, wollt ihr tanzen, so rief im Herbst der Wind …“ Das Fallen der Blätter wird mit Festfreude und Tanz in Verbindung gebracht.

Beides gehört zusammen. Denn im Vergehen des Lebens, wenn es nicht gewaltsam geschieht, blitzt noch einmal die volle Würde gelebten Lebens auf.

Das Fallen der Blätter ist wohl der Hauptgrund, dass Laubbäume, von Obstbäumen abgesehen, aus vielen privaten Grundstücken verschwunden sind. „Bäume machen Dreck!“ hörte ich in einer meiner Gemeindegruppen. Laubbäume scheinen störend zu sein: Bei der Blüte gibt es manchmal klebrige Absonderungen, dann entwickeln sie Früchte, zuletzt muss man deren Blätter beräumen, manchmal auch trockene Äste wegschneiden. Dieser Lebensrhythmus passt nicht in aufgeräumte Gärten mit sogenanntem englischem Rasen. Weit verbreitete Vorlieben wollen keine unzähmbare Natur. Mit den Laubbäumen verdrängen viele auch die Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit. Laubbäume werden durch immergrüne Bäume ersetzt.

Diese Missachtung hängt wohl auch damit zusammen, dass das, was Laubbäume für uns tun, nichts kostet: Sie schenken ästhetischen Gewinn, Blüte, Ergrünen, Herbstfärbung. Sie geben Schatten und trotzen der Erwärmung, sie speichern Wasser, binden Kohlendioxid und geben Sauerstoff, sie filtern Staub und mindern den Umgebungslärm. Eine hundertjährige Buche, nehmen wir sie als Modellbaum, schenkt uns über vier Tonnen Sauerstoff im Jahr. Luft zum Leben.

Wir hätten Grund, dankbar zu sein. Jedes Blatt, das scheinbar stört, schenkt uns Leben. Darum werden Bäume gern mit beginnendem Leben verknüpft: Baumpflanzung zur Hochzeit, bei Geburt oder Taufe. Bäume werden auch dann noch an uns erinnern, wenn wir selbst nicht mehr sind. Es wäre schön, diese Tradition wieder aufleben zu lassen. Dann schenken wir den Segen der Bäume auch den nächsten Generationen.

Wenn da, wo noch Laubbäume stehen, im November das Laub aufgelesen wird, können wir beides verbinden: Dank für die gute Luft dieses Jahres und das Bekennen, dass auch wir endlich sind. Denn unsere Endlichkeit ist nicht das Letzte. Wir fallen in Gottes Hand. So endet das Gedicht „Herbst“ von Rainer Maria Rilke:

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an: Es ist in allen. Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.

In diesem Sinn wünsche ich einen segensreichen Herbst

 

Albrecht Häußler, Pfarrer der Kirchgemeinde Pösaue (in den Orten Fuchshain, Großpösna, Kleinpösna, Seifertshain)

Posted in Aktuelles on 7. August 2021.